Aus unserem Archiv: 70 Jahre Stiftung Hamburger Kunstsammlungen

Beitrag vom 17. Januar 2026

Am 15. Dezember 1955 lädt der damalige Präses der Kulturbehörde, Senator Dr. Hans-Harder Biermann-Ratjen (1901–1969), in das Haus der Hamburger Kreditbank AG. Das Skript seiner Rede befindet sich im Archiv der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen. Dort ist nachzulesen, mit welchen Worten er sich an die elf Vertreter der Hamburger Wirtschaft richtet, die seiner Einladung gefolgt sind. Er beginnt: 

»Eine aktive und der Bevölkerung einleuchtende Kulturpolitik des Senats lässt sich nicht aus den Staatsmitteln allein finanzieren, sondern bedarf der wohlwollenden Unterstützung der Hamburger Wirtschaft. Diese hat anläßlich des Neubaus unserer Staatsoper [initiiert 1952, fertiggestellt 1955] in großzügiger Weise ihren Gemeinsinn bewiesen, so daß die Hoffnung wohl nicht unberechtigt ist, daß die Wirtschaft sich auch zur Stützung anderer Kulturanliegen bereit finden möge.«

Biermann-Ratjen diagnostiziert den Sammlungen der Hamburger Kunsthalle und des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg eine besondere Dringlichkeit hinsichtlich ihrer Ankaufsetats: 
»Beide Museen, die internationalen Rang besitzen und an deren Spitze Fachleute von internationalem Ruf stehen, haben nur einen ganz unzulänglichen Ankaufsetat, der in keiner Weise mehr mit den außerordentlich gestiegenen Weltmarktpreisen für bedeutende Kunstwerke Schritt halten kann.« Er schließt diesen Appell mit den drastischen Worten: »Ein Kunstmuseum aber, das keine Ankäufe tätigen kann, ist zum Absterben verurteilt. Stillstand bedeutet hier Rückschritt«

Darüber hinaus führt Biermann-Ratjen Gedanken zum Kunstmarkt aus: Hochkarätige europäische Werke und Objekte würden ins außereuropäische Ausland verkauft und nicht gehalten werden können. Auch die Beziehungen der Direktoren zum Marktgeschehen, die ohne nennenswerte Mittel nicht gegeben seien, sieht Biermann-Ratjen als problematisch an: »Es wird ihm [dem Direktoren] nichts mehr angeboten und er weiß auch nicht, was zur Zeit käuflich ist.« Schließlich würden in dieser Zeit vermehrt große Privatsammlungen aufgelöst. Es besteht also die Vermutung, dass in den kommenden Jahren besondere Werke auf den Markt gegeben werden. 

Um dieser Problematik entgegenzuwirken, schlägt der Kultursenator in der Sitzung an besagtem 15. Dezember 1955 dann die Gründung einer Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Kunstsammlungen vor, die von Staat und Wirtschaft gemeinsam ins Leben gerufen wird und deren »Kapital zur allmählichen Anschaffung bedeutender Kunstwerke dienen soll […].« Für den Haushaltsvorschlag 1956 sei in Aussicht gestellt, dass vom Hamburger Senat eine Summe von 500.000,- DM als Stiftungskapital eingesetzt werde. Die Hamburger Wirtschaft wird gebeten, den Plan ebenfalls zu fördern.

Die an diesem Tag zusammengekommene Versammlung begrüßt den Vorschlag des Kultursenators und die Anwesenden sichern tatsächlich ihre finanzielle Unterstützung zu. Aus dem Kreise der Unterstützer wird unmittelbar eine Summe von 200.000,- DM generiert. Außerdem sollen größere Kreise auf die Ziele der Stiftung aufmerksam gemacht werden. Einige Anwesende sagen zu, weitere Firmen und Persönlichkeiten anzusprechen. Die Gründung der Stiftung wird schließlich für die ersten Monate im Jahr 1956 vereinbart. 

Beitrag vom 2. April 2026

Die Stiftung Hamburger Kunstsammlungen wird – nach dem Appell des Präses der Kulturbehörde, Senator Dr. Hans-Harder Biermann-Ratjen (1901–1969), bei einer Sitzung mit geladenen Gästen am 15. Dezember 2026 (siehe dazu hier) – am 30. Mai 1956 urkundlich gegründet. Die Gründung wird kurz darauf, am 7. Juni 1956, mit einem Senatsempfang feierlich begangen. 

Das Kuratorium der Stiftung besteht satzungsgemäß aus dem Präses der Kulturbehörde, einer von der Deputation der Kulturbehörde gewählten Persönlichkeit, zwei Mitgliedern der Bürgerschaft und drei Vertretern der Wirtschaft. Werner Gramberg (1896–1985, 1951–1960 stellvertretender Direktor der Hamburger Kunsthalle) ist Geschäftsführer der Stiftung. Eine erste Kuratoriumssitzung findet bereits im Juli statt, grundlegende Fragen zur Stiftung werden zurückgestellt, Ankaufsentscheidungen drängen! So ist dem Protokoll der Sitzung zu entnehmen: »Die Angebote können nicht mehr bis August zurückgestellt werden, da die betreffenden Kunsthändler schnell Bescheid haben müssen, und die Stücke sonst Hamburg evtl. für immer verloren gehen.«

Finanziell ist die Stiftung gut aufgestellt: Ein Stiftungskapital des Staates von 100.000 DM soll nicht angerührt werden. Für das erste Jahr wird eine Summe von 500.000 DM von der Hansestadt Hamburg bewilligt, um Ankäufe zu tätigen. In einem Aktenvermerkt zur Sitzung am 15. Dezember ist zu dieser Zusage notiert: »Dieser Betrag werde gegeben in der Erwartung, daß Hamburger Wirtschaftskreise sich ebenfalls mit einer namhaften Summe beteiligen.« Die in der Sitzung vom 15. Dezember 1955 von den Teilnehmenden bereits zugesagten Mittel von 200.000 DM werden, wie erhofft, von weiteren Firmen und privaten Spenden ergänzt und belaufen sich letztendlich sogar auf fast 400.000 DM im ersten Jahr des Bestehens der Stiftung. Besonders engagiert sind die Mineralöl- und die Tabakindustrie, die Markenartikler, die Großbanken und die Hamburger Presseunternehmen. Mit allen ist die Stiftung von Beginn an auch personell eng verbunden. 

Giovanni Antonio Canal (gen. Canaletto), Capriccio mit römischen Ruinen und Paduaner Motiven, um 1756, Öl auf Leinwand, 115,5 x 164,5 cm, 1956 erworben für die Hamburger Kunsthalle; Foto: Elke Walford

Im ersten Jahr ihres Bestehens erwirbt die Stiftung für die Hamburger Kunsthalle nach Besichtigung der Originale in den Ausstellungsräumen die Werke Giovanni Antonio Canals (gennannt Canaletto) »Ansicht von Padua« (um 1740), Edvard Munchs »Liegender weiblicher Akt« (1905) – übrigens seit dem 26. März zu sehen in der aktuellen Ausstellung »Maria Lassnig und Edvard Munch. Malfluss = Lebensfluss« in der Hamburger KunsthalleHenri Rousseaus »Eva im irdischen Paradies« (um 1906/07) und Pablo Picassos »Der Kunsthändler Clovis Sagot« (1909). Letztgenanntes Gemälde wird in der Kuratoriumssitzung besonders ausführlich diskutiert. Es wurde bereits seit längerer Zeit in der Hamburger Kunsthalle und in der großen und vielbeachteten Schau »Picasso 1900–1955« eben dort ausgestellt. Alfred Hentzen (1903–1985, Direktor der Hamburger Kunsthalle 1955–1985) hatte es zum Zeitpunkt der Kuratoriumssitzung bereits erworben, weil der Vorbesitzer nicht länger hingehalten werden konnte, und nutzte dafür die restlichen Haushaltsmittel des Vorjahres, die des laufenden Jahres sowie einen Kredit. In der Kuratoriumssitzung wird in diesem besonderen Fall eine Ausnahme gemacht und die rückwirkende Finanzierung dieses Ankaufes in Höhe von 140.000 DM gestattet. Dem Protokoll der Sitzung ist dazu zu entnehmen: »Der große Wunsch, gerade dieses Bild von Picasso zu erwerben, hat letztlich den Anstoß gegeben, die Stiftung ins Leben zu rufen.«

Tasche mit Minneszenen, 1330–1350, Leinen mit Gold- und Seidenstickerei, ziegelrotes Innenfutter, Seidenkordel und Quasten, 15,8 x 14,5 cm, 1956 erworben für das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Für das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg werden unter anderem der Erwerb einer spätmittelalterlichen Tasche mit Minneszenen (1330–1350), eine Beweinungs-Gruppe von Josef Thaddäus Stammel (um 1740), eine Statuette des Zeus oder Poseidon (1. Hälfte 1. Jh. n. Chr.) sowie eine Wirkerei »Der ungetreue Marschall« (1554) einstimmig beschlossen. Für das ehemalige »Hamburger Museum für Völkerkunde und Vorgeschichte«, das heutige MARKK, werden 17 Goldschmuck-Stücke aus Ecuador (12.–13. Jh. n. Chr.) erstanden.